Zwischen Ticket-App und Papierfahrschein – Digitalisierung als Teil von Ageismus im Alltag des ÖPNV

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Von Tim Lukas Betz, Joel-Jan Juch, Frieda Liesenhoff und Yannick-Tim Renner.

Der öffentliche Nahverkehr in Deutschland zählt trotz wiederkehrender Kritik in puncto Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu den wichtigsten Mobilitätsinfrastrukturen für Bürgerinnen und Bürger. Statistiken zur allgemeinen Nutzung dieser Dienstleistung sowie zu deren Verteilung innerhalb der Demografie des Landes zeigen einen Peak sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Menschen und stellen damit wichtige Anhaltspunkte nicht bloß für die Nutzung, sondern auch für eine gewisse Abhängigkeit von diesem Verkehrssystem dar (Regionalverband Ruhr 2021). Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wird seit einigen Jahren intensiv vorangetrieben und fokussiert sich dabei nicht nur auf die physische, sondern auch auf die digitale Infrastruktur. Insbesondere dieser Aspekt wird weder in den Medien noch in der aktuellen Forschung ausreichend hinsichtlich seiner Auswirkungen auf Bürger:innen verschiedener Altersgruppen beleuchtet und bietet daher einen geeigneten Ansatzpunkt für eine Untersuchung.

Forschungsinteresse

Der Fokus dieser Arbeit soll nicht auf einer chronologischen Darstellung der technischen Fortschritte oder deren ökonomischem Einfluss liegen. Stattdessen stehen sowohl die Ausführung dieser Veränderungen durch Verkehrsunternehmen und deren mediale Kommunikation als auch die Wahrnehmung dieser Entwicklungen aus Verbraucher:innensicht im Mittelpunkt. Vor diesem Hintergrund soll folgende Forschungsrage thematisiert werden: Wie wird Ageismus im Kontext der Digitalisierung des öffentlichen Personennahverkehrs im Rhein-Ruhr-Gebiet dargestellt, wahrgenommen und kommunikativ hergestellt?

Eine zentrale Perspektive dieser Arbeit liegt dementsprechend auf dem Einfluss der Digitalisierung auf Ageismus im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist der Untersuchungsgegenstand in einen direkten Austausch zwischen den Organisationen, deren medialer Kommunikation und den Nutzenden des ÖPNV eingebettet. Entsprechend muss er innerhalb dieser kommunikativen Austauschprozesse verortet und untersucht werden. Dabei soll die Digitalisierung nicht als ein Phänomen verstanden werden, welches Ageismus unmittelbar auslöst oder begünstigt. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass entsprechende Zuschreibungen und Kategorisierungen im Rahmen sozialer Interaktionen entstehen.

Ageismus

Zu Beginn dieser Arbeit ist eine begriffliche Eingrenzung von Ageismus erforderlich, um für die nachfolgende Analyse einen klaren Fokus zu schaffen. Die World Health Organization hat hierzu eine häufig rezipierte Definition veröffentlicht, welche als Grundlage dieser Ausarbeitung dient: “[…] the stereotypes (how we think) and discrimination (how we act) directed towards people based on their age” (2021: XV). Diese Definition benennt bereits zwei zentrale Dimensionen, nämlich Stereotype und Diskriminierung. Wie auch bei anderen gesellschaftlichen “-Ismen” basieren diese Phänomene auf einer kategorialen Abgrenzung bestimmter Gruppen von Personen anhand ausgewählter Eigenschaften. Im Falle des dargelegten Ageismus werden bestimmten Altersgruppen dabei stereotype Eigenschaften zugeschrieben, wodurch sie stigmatisiert und in bestimmten Situationen potenziell diskriminiert werden (Krings & Kluge 2020: 154).

Datenmaterial und Methodologie

Um die im Forschungsinteresse dargelegten Phänomene konkret zu beobachten, wurde ein Korpus von Daten aus dem Kontext „Digitalisierung im ÖPNV“ erstellt. Dieser setzt sich aus journalistischen Beiträgen, Interviews, Straßenumfragen, Radiobeiträgen sowie Artikel aus Lokalzeitungen zusammen. Artikel in Textform und nach GAT-2-Konventionen (Selting et al. 2009) erstellte Transkripte eines Radiobeitrages wurden mithilfe der Membership Categorization Analysis (MCA) untersucht. Sie umfasst die Analyse sozialer Praktiken, die alltäglich innerhalb einer bestimmten Sprachgemeinschaft von Mitgliedern (re)produziert werden (vgl. Housley / Fitzgerald 2015: 1). Sacks spricht hierbei von einer „order at all points“ (Sacks 1985: 22), also von einer Ordnung, die durch die jeweiligen Aushandlungen innerhalb interpersoneller Interaktionen stetig erschaffen und somit erfahrbar wird. In seinen theoretischen Grundannahmen orientiert sich die Arbeit an einer Definition von Ageismus als Stereotypen gegenüber Menschen und deren konkrete Diskriminierung auf Basis ihres Alters (WHO 2021: XV), der Definition eines Digital Divide des Eurostat (2019) sowie physische Voraussetzungen, individuelle Kompetenzen und sozialer Hintergrund als Einflussfaktoren der digitalen Teilhabe im Alter.

Analyse

Altersdiskriminierung im Kontext der Digitalisierung lässt sich, im hier betrachteten Fall des ÖPNV, auch deshalb sowohl als technisches als auch als soziales Problem verstehen, da sie alle drei Ebenen des „Digital Divide“ (Papi-Galvez & La Parra-Casado 2023: 78) umfasst. Auf ersterer stehen fehlende Ressourcen und Zugangsmöglichkeiten im Mittelpunkt. Dabei geht es vor allem um den Zugang zum Internet oder zu digitalen Endgeräten – im Kontext des ÖPNV also beispielsweise um den Zugang zu digitalen Ticketangeboten. Im untersuchten Material finden sich hierzu Aussagen wie: „Digitalisierung im ÖPNV darf nicht zur Ausgrenzung führen“, mahnt Benedikt Lechtenberg, Referent für Sozial- und Kommunalpolitik beim Sozialverband VdK NRW. „Ist etwa das Geld knapp, mangelt es am Smartphone oder an der Kreditkarte – damit fällt die App-Nutzung weg. Trotz Schulungsangeboten oder Hilfe durch Verwandte bleiben für manche Nutzer technische Hürden bestehen.“ (Dalley 2025). Hier wird, explizit durch einen Sozialverband, nicht die häufig diskutierte fehlende digitale Kompetenz thematisiert, sondern vielmehr die grundsätzliche Möglichkeit, überhaupt Zugang zu digitalen Angeboten zu erhalten. Damit wird die infrastrukturelle Ebene des Digital Divide als Basisproblem digitaler Exklusion dargestellt.

Auch die zweite Ebene, welche sich mit digitalen Skills und ihrer Anwendung befasst, lässt sich im Diskurs um den ÖPNV in Deutschland erkennen. So heißt es beispielsweise in einem Schreiben eines Seniors an die Bahn im Kreis Kleve: „Und viele von uns Senioren haben ein Smartphone – ja, aber umgehen können die meisten damit nicht. Ganz viele haben auch gar keine E-Mail-Adresse. Hier ist Unterstützung dringend nötig, um Altersdiskriminierung zu vermeiden.“ (Gellert-Helpenstein 2024). In diesem Fall gilt das Problem fehlender Ressourcen bereits als überwunden. An diesem Punkt setzt die dominante Kategorisierung „alt = nicht digitalaffin“ ein, weshalb sich diese zweite Ebene im analysierten Datenmaterial als besonders prominent erweist. Die dritte Ebene des Digital Divide findet sich im untersuchten Material insbesondere in Aussagen älterer Personen selbst, während Organisationen des ÖPNV tendenziell gegenteilige Positionen vertreten. So heißt es etwa in einer E-Mail an den damaligen Verkehrsminister:

„Nicht alles, was erlaubt ist, nimmt alle Mitbürger mit. Ausgrenzung seitens eines im Bundesbesitz befindlichen Unternehmens finde ich grundsätzlich bedenklich. […] Wer gern viel Elektronik, Handy etc. nutzen möchte, soll das auch gern so machen können. Den Zwang dazu sehe ich grundsätzlich sehr kritisch. So wie viele Mitbürger möchte ich gern weiterhin vieles analog erledigen können und mich dafür einsetzen, dass das auch weiterhin so bleibt.“ (Stobbe, 2024).

Hier wird von den zuvor dominanten Kategorien und Zuschreibungen abgewichen: Ältere Menschen erscheinen nicht notwendigerweise als digital unfähig, sondern vielmehr als kritisch eingestellt gegenüber bestimmter Digitalisierungsprozesse.

Das folgende Transkript stellt ein Interview dar, welches die Radio Essen Reporterin Anna Bartl (AB) mit dem Pressesprecher der Ruhrbahn GmbH Nils Hoffmann (NH) bezüglich der geplanten Digitalisierung des Ticketverkaufs in Bus und Bahn geführt hat. Im Folgenden werden für die MCA relevante Passagen aus dem Transkript analysiert. In den Zeilen 131 bis 141 beschreibt Anna Bartl, dass es Kritik an den Digitalisierungsplänen der Ruhrbahn gebe, da ältere Menschen manchmal wirklich kein Smartphone haben wollen würden und Kinder oftmals kein Deutschlandschokoticket besäßen, sodass sie ebenfalls auf den analogen Ticketkauf mit Bargeld angewiesen seien. Ihren Turn beendet sie in den Zeilen 140f. mit der kritischen Nachfrage, ob denn „die“ – also ältere Menschen und Kinder – dann nicht mehr Bus und Bahn fahren können.

© Betz, Juch, Liesenhoff, Renner

Hierbei bringt sie insgesamt zwei membership categories ins Spiel. Zum einen die „älteren Menschen“ (Z. 132) und zum anderen „Kinder“ (Z. 134). Der membership category „ältere Menschen“ schreibt sie das category-bound predicate der ablehnenden Haltung gegenüber der Nutzung eines Smartphones zu (vgl. Z. 132f.). Den „Kindern“ schreibt sie die category-bound activity zu, dass diese sich normalerweise mit Bargeld Tickets kaufen würden, da sie oftmals kein Deutschlandschokoticket besäßen (Z. 137 – 139). Durch diese beiden Kategorisierungen lassen sich Parallelen bezüglich der zugeschriebenen Kompetenz der jeweiligen membership categories feststellen. Anna Bartl schreibt demnach alten Menschen sowie sehr jungen Menschen – also Kindern – eine ähnliche Angewiesenheit auf den analogen Ticketverkauf zu, welche jeweils unterschiedlich zu begründen ist. Somit verknüpft sie zwei membership categories, die im Diskurs oftmals als Gegensätze (jung vs. alt) betrachtet werden. Dadurch wird deutlich, dass es nach ihrer Logik ein „zu jung“ und ein „zu alt“, um von Digitalisierung profitieren zu können, geben muss.

Diskussion

Anhand der dargelegten Analyse-Ergebnisse wird deutlich, dass diese digitalen Lösungen zugleich neue Anforderungen und potenzielle Schwierigkeiten mit sich bringen. Im Kontext des Digital Divide spielen insbesondere digitale Kompetenzen sowie der Zugang zu entsprechenden Endgeräten eine zentrale Rolle. Der Erwerb eines digitalen Tickets setzt in vielen Fällen nicht nur den Besitz eines Smartphones voraus, sondern auch die Fähigkeit, Apps zu installieren und sich in ihnen zurechtzufinden. Dies verdeutlicht, wie eng die drei Stufen des Digital Divide – Infrastruktur, digitale Kompetenzen und Nützlichkeit – miteinander verknüpft sind: Fehlt eine der Stufen, oder im schlimmsten Fall mehrere, kann das digitale Angebot seine Funktion nicht entfalten. In diesem Sinne verschieben sich die Zugangsvoraussetzungen zum ÖPNV teilweise von physischen hin zu digitalen Kompetenzen. Durch Digitalisierung entstehen dadurch potenziell neue Formen von Exklusion, die insbesondere Personen betreffen, welche wenig Erfahrung im Umgang mit digitalen Technologien haben. In diesem Zusammenhang werden ältere Menschen häufig als besonders betroffen dargestellt, wodurch digitale Infrastruktur zum Gegenstand altersbezogener Zuschreibungen werden kann.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die Digitalisierung des öffentlichen Personennahverkehrs nicht nur technische oder organisatorische Prozesse verändert, sondern auch tiefgreifende soziale Auswirkungen hat. Insbesondere Vorstellungen über Alter, digitale Kompetenzen und gesellschaftliche Teilhabe prägen, wie ältere und jüngere Fahrgäste kategorisiert und unterschiedlich behandelt werden. Die Untersuchung macht deutlich, dass digitale Ticketangebote und damit verbundene Infrastrukturen nicht nur neue Mobilitätsmöglichkeiten schaffen, sondern zugleich potenzielle Altersbilder und soziale Ungleichheiten verfestigen und in der Kommunikation zwischen Organisationen und Nutzer:innen verhandelt werden.


Literaturverzeichnis

Dalley, J. (2025): Ticket-Hammer in NRW-Stadt: Bargeld wird abgeschafft. [online] https://www.wa.de/nordrhein-westfalen/ticket-hammer-in-nrw-stadt-bargeld-wird-abgeschafft-93851255.html [Letzter Zugriff: 17.03.2026].

Eurostat. (2021): Individuals who have basic or above basic overall digital skills by sex (tepsr_sp410). [online] https://ec.europra.eu/eurostat/cache/metadata/en/tepsr_sp410_smsip2.htm. [Letzter Zugriff: 15.03.2026].

Gellert-Helpenstein, A. (2024): DIGITALISIERUNG Immer mehr digital: Werden Senioren vom Leben ausgeschlossen? [online] https://web.archive.org/web/20250908174054/https://su-kreis-kleve.de/digitalisierung-immer-mehr-digital-werden-senioren-vom-leben-ausgeschlossen/ [Letzter Zugriff: 17.03.2026].

Housley, W., & Fitzgerald, R. (2015): Introduction to membership categorisation analysis. In: R. Fitzgerald, W. Housley (Eds.): Introduction to Membership Categorisation Analysis. SAGE Publications Ltd, S. 1 – 22.

Krings, F., Kluge, A. (2020): Altersvorurteile. In: Six, P. (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. 2. Auflage. Verlagsgruppe Beltz.

Papí-Gálvez, N., La Parra-Casado, D. (2023): Age-Based Digital Divide. Uses of the Internet in People Over 54 Years Old. In: Media and Communication 11 (3). S. 77 – 87.

Regionalverband Ruhr (2021): Regionales Mobilitätsentwicklungskonzept für die Metropole Ruhr. Endbericht.

Sacks, H. (1985): Notes on methodology. In: J. M. Atkinson (Eds.): Structures of Social Action. Cambridge: Cambridge University Press, S. 21 – 27.

Selting, M., et al., (2009): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 10. S. 353 – 402.

Stobbe, P. (2024): Digitalisierung bei der Bahn. Ausgrenzend. [online] https://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=15682 [Letzter Zugriff: 17.03.2026].

World Health Organization (2021): The Nature of Ageism. In: Global Report on Ageism, XV. Geneva: World Health Organization.


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