Von Madita Alberti.
Diskriminierende Aussagen und Handlungen sind Teil des Alltags von Menschen mit Behinderung und stellen eine erhebliche Beeinträchtigung ihres Lebens dar. Eine Untersuchung dieser alltäglichen Diskriminierung eröffnet eine Debatte um Normalität und gesellschaftliche Erwartungen, die uns alle betrifft. In meiner Hausarbeit habe ich exemplarisch Audismus, also die Diskriminierung gehörloser Personen, näher betrachtet (Rubarth, 2023). Die Vorstellungen, die die Grundlage für Ableismus und Audismus bilden, zeigen sich häufig in Kategorien, die explizit oder implizit angeführt werden, um Erwartungen auszudrücken und Normalität und Anormalität zu differenzieren. Um diese Kategorien zu untersuchen, wird die Membership Categorization Analysis als Methode angewandt, ein Forschungsprogramm zur Analyse von kommunikativen Praktiken des Kategorisierens (Housley/Fitzgerald, 2015: 5). Die sozialen Medien als Ort, an dem viele verschiedene Personen die Möglichkeit haben, ihren Gedanken in Form von Kommentaren Ausdruck zu verschaffen, eignen sich besonders für eine Untersuchung der Frage:
Inwiefern wird Normalität kategorial in audistischen Kommentaren konstruiert?
Gesellschaftliche Konzepte von Normalität hängen eng mit Diskriminierungsformen wie Audismus zusammen: Die Norm wird mit Gesundheit assoziiert, die Kategorien „krank“ und „behindert“ stehen dem gegenüber (Ilg, 2024: 227). Die Analyse dieser konstruierten Normalität basiert auf der Critical Disability Theory, einem interdisziplinären Ansatz, der sich der Erforschung der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung widmet. Die Grundannahme der Critical Disability Theory besteht darin, dass Behinderung nicht primär eine individuelle, körperliche Einschränkung ist, sondern ein soziales, politisches und kulturelles Konstrukt. Es sind die gesellschaftlichen Strukturen und Normen, die die Menschen behindern (Hall, 2019), da Behinderungen nicht als medizinische Tatsachen, sondern vor allem als Handlungen, die erst sozial hergestellt werden müssen, begriffen werden (Waldschmidt, 2003: 13).
Anhand der Analyse audistischer Kommentare wird deutlich, dass hörende Personen wie selbstverständlich als Norm verstanden werden. Diese Kategorie ist nicht erklärungsbedürftig und wird vorausgesetzt, weshalb sie unmarkiert bleibt. Gehörlosigkeit dagegen wird als Abweichung von der Norm gesehen und deshalb markiert. Die beiden Kategorien gehörlos und hörend werden als gegenteilig dargestellt, während die Nuancen unberücksichtigt bleiben. Dies ist zum Beispiel im folgenden bevormundenden Kommentar der Fall: „Du kannst sprechen. Ich kenn Gehörlose, die können gar nicht sprechen.“ Die Person homogenisiert gehörlose Menschen, indem sie ihnen ihre Individualität abspricht und sie nur als Teil der Gruppe der Gehörlosen darstellt. Anstatt ihre eigenen Vorurteile gegenüber gehörlosen Menschen zu hinterfragen, unterstellt die Person direkt, dass ihr Gegenüber nicht gehörlos sein kann. Dieser und die anderen untersuchten Kommentare enthalten Mikroaggressionen. Der Begriff entstand im Diskurs um rassistische Alltagserfahrungen und umfasst „scheinbar harmlose Bemerkungen, Fragen und Handlungen, die Diskriminierte als dauerhaft belastend erleben, weil sie unbeabsichtigt und subtil bestimmte abwertende & verallgemeinernde Botschaften transportieren“ (Sue, 2010: 5, übersetzt von Maskos, 2023). Mikroaggressionen führen bei Betroffenen zu Stress, zum Beispiel sich ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen, da sie als von der Norm abweichend wahrgenommen werden.
Neben bevormundenden und homogenisierenden Aussagen werden gehörlose Personen häufig mit der Kategorie der Minderheit verknüpft und mit den Assoziationen teuer, unwichtig, nicht lohnenswert, unfähig oder inkompetent und fehlerhaft verbunden. Dies lässt sich unter anderem in der Debatte um Gebärdensprache als Schulfach erkennen. Eine Person schreibt „Klar, einfach ein Fach einführen für 0,000008% der Bevölkerung“. Die Person erkennt die alltäglichen Herausforderungen in einer Welt, die auf Hörende als natürliche Norm ausgerichtet ist, nicht an. Auf die Vorstellung der ersten gehörlosen Bundestagsabgeordneten Heike Heubach reagiert eine andere Person mit dem Kommentar: „Einfach Nein! Wenn etwas monatlich einen haufen [sic] Geld kostet, dann hat es fehlerfrei zu funktionieren! Das gilt für Maschiene [sic], wie auch für Personal.“ Durch das Wort „etwas“ findet eine Entmenschlichung gehörloser Personen statt. Beide Kommentare eint, dass sie gehörlose Personen als Belastung für die Gesellschaft darstellen. Hörende Personen erhalten positive Attribute. Sie stellen die Mehrheit dar und werden mit den Beschreibungen relevant, lohnenswert, funktionsfähig, kompetent und fehlerfrei assoziiert. Demgegenüber wird Gehörlosigkeit als Fehler oder Defizit verstanden. Erkennbar wird, dass nur Fehlerfreiheit, Funktionsfähigkeit und Leistungserbringung als erstrebenswerte, vorausgesetzte Ideale in der Gesellschaft dargestellt werden.
Diese Aussage wird zwar von Einzelpersonen getätigt, sie verweist jedoch auf gesellschaftliche Verhältnisse, die Menschen mit Behinderung den Zugang zu bestimmten Positionen oder Feldern verwehren oder deutlich erschweren. Zum Beispiel sind Menschen mit Behinderung öfter als Menschen ohne Behinderung von Arbeitslosigkeit betroffen (Rat der Europäischen Union). Zusätzlich wird ihre Arbeit häufig als weniger wertvoll angesehen, was der durchschnittliche Stundenlohn in einer Behindertenwerkstatt verdeutlicht, der nur 1,35 Euro beträgt (Maskos, 2023). Wie die Kommentare exemplarisch zeigen, ist Ableismus nicht nur eine feindliche Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung, sondern „eng verknüpft mit den Erwartungshaltungen, die gerade in leistungsorientierten und individualisierten Gesellschaften an jeden Menschen gerichtet werden“ (Maskos, 2023). Dies wird besonders deutlich, indem die Person, die den dritten Kommentar verfasst hat, die Fähigkeiten des Hörens und Sprechens und damit eine bestimmte Leistung von Menschen fordert, die als Bundestagsabgeordnete tätig sein können. Gehörlose Menschen können laut dieser Person weniger Leistung erbringen und seien deshalb nicht für solche Ämter geeignet. Dies verstärkt die gesellschaftliche Vorstellung von Normalität, die die Person mit ihrem Kommentar reproduziert. Durch Othering, das Abgrenzen und Ausschließen bestimmter Personen und Gruppen, wird ein nicht-behindertes, „normiertes, autonomes & leistungsfähiges Ideal-Subjekt“ konstruiert (Shakespeare, 1994, Spivak, 1999, zitiert und übersetzt von Maskos, 2023), zu dem eine Hörbehinderung eine Abweichung und Abstufung darstellt.
Die Kommentare sind extreme Beispiele audistischer Aussagen, jedoch können ableistische Denkweisen und Vorstellungen von Normalität Teil unser aller Denkens sein. Die in den Daten sichtbar gewordenen Muster verraten viel über die Gesellschaft, ihre Werte, zum Beispiel was als lohnenswert und wer als kompetent betrachtet wird, und über unsere Vorstellung von Normalität und Anormalität. Zudem zeigen die Daten, wie wir auf eine Abweichung von der Norm reagieren und wie oft uns finanzielle Aspekte, das Erbringen von Leistung und das Kriterium des „Lohnenswerten“ als Bewertungsmaßstäbe dienen: Tief verankerte Denkweisen, die es zu hinterfragen lohnt.
Literaturverzeichnis
Hall, M. C. (2019): Critical Disability Theory, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. https://plato.stanford.edu/archives/win2019/entries/disability-critical/ (Letzter Zugriff: 14.06.2026).
Housley, W. / Fitzgerald, R. (2015): Introduction to Membership Categorization Analysis, in: Advances in Membership Categorisation Analysis. London, S. 1–22.
Ilg, Y. (2024). Konzeptualisierungen von (A-)Normalität in Gesprächen über psychische Gesundheit und Krankheit, in: N. Bauer / S. Günthner / J. Schopf (Hrsg.): Die kommunikative Konstruktion von Normalitäten in der Medizin. Berlin, Boston, S. 207–231.
Maskos, R. (2023): Ableismus und Behindertenfeindlichkeit. Diskriminierung und Abwertung behinderter Menschen. Lizenz CC BY-NC-ND 4.0, Ableismus und Behindertenfeindlichkeit | Behinderungen | bpb.de (Letzter Zugriff: 14.06.2026).
Rat der Europäischen Union: Fakten und Zahlen zum Thema Behinderung in der EU. https://www.consilium.europa.eu/de/infographics/disability-eu-facts-figures/ (Letzter Zugriff: 14.06.2026).
Rubarth, C. (2023): Gehörlose in Deutschland. Der Kampf um Teilhabe und Anerkennung. www.deutschlandfunkkultur.de/gehoerlose-teilhabe-anerkennung-100.html (Letzter Zugriff: 14.06.2026).
Shakespeare, T. (1994): Cultural Representation of Disabled People. Dustbins for Disavowal?, in: Disability & Society 9 (3), S. 283–299.
Spivak, G. C. (1999): A Critique of Postcolonial Reason. Towards a History of the Vanishing Present. Cambridge.
Sue, D. W. (2010): Microaggressions in Everyday Life. Race, Gender and Sexual Orientation. New Jersey.
Waldschmidt, A. (2003): „Behinderung“ neu denken. Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disabaility Studies, in: bifos-Schriftenreihe zum selbstbestimmten Leben Behinderter. Kassel, S. 11–22.
