Von Emotionalisierung bis Normalisierung: Kommunikation des „Remigrations“-Konzepts durch Lukreta

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Von Madita Alberti.

Im Rahmen des investigativen Doku-Formats der ARD „team.recherche“ deckten die Journalist*innen die internationale Vernetzung des Frauennetzwerks „Lukreta“ mit rechtsextremen Persönlichkeiten und Organisationen in Europa auf (vgl. ARD/SR 2026). Gemeinsam ist diesen Akteur*innen insbesondere die Forderung nach „Remigration“. Dieser Begriff bildet einen zentralen Bestandteil der Kommunikation Lukretas, vor allem in den sozialen Medien, und tritt nicht isoliert, sondern in Zusammenhang mit auf Geschlecht und Ethnie bezogene Deutungsmuster auf, die der Ethnosexismus (vgl. Dietze 2019) beschreibt. Durch Ethnosexismus wird eine Hierarchie zwischen der eigenen, hier deutschen, Kultur und anderer Kulturen mit einem scheinbar rückständigen Umgang mit Frauen hergestellt (vgl. Dietze 2019: 12). Er dient als legitimatorische Grundlage der „Remigrations“-Forderung.

Die Rolle von Frauen in rechtsextremen Kreisen wurde lange unterschätzt (vgl. Hasselbusch 2024: 2) und sie wurden mehr als Mitläuferinnen statt als „aktive Gestalterinnen der politischen Einflussnahme“ (Kero 2023: 28) betrachtet. Nun treten vor allem in den sozialen Medien vermehrt junge rechte und rechtsextreme Frauen und Gruppen wie Lukreta auf (vgl. Lochau/Scheyer 2024: 21, Küsters et al. 2026). In dieser Analyse der strategischen Kommunikation Lukretas steht die Rolle des „Remigrations“-Begriffs und der dabei relevant werdenden Kategorien im Mittelpunkt. So ergibt sich die Forschungsfrage: 

Wie kommuniziert das rechtsextreme Frauennetzwerk Lukreta das Konzept der „Remigration“ auf seinen Social-Media-Kanälen mittels sozialer Kategorien?

„Remigration“ meint die Forderung, dass migrantisierte Menschen massenhaft in ihre „Heimat“ rückgeführt werden sollen, wenn sie nach willkürlich festgelegten Kriterien als „nicht integriert“ eingestuft werden (vgl. Berendsen/Schnabel 2024: 15). Zudem ist „Remigration“ „untrennbar mit völkisch-rassistischen Deportationsplänen verbunden“ (Wagner 2025). Das Konzept der „Remigration“ basiert auf kategorialen Zuschreibungen, weshalb sich gerade die MCA besonders für das mit dieser Arbeit verfolgte Forschungsvorhaben eignet. Sie konzentriert sich auf die Kategorienarbeit im Vollzug und die kategorialen Implikationen des „Remigrations“-Konzepts und seines kommunikativen Einsatzes. Die kategoriale Perspektive ist besonders relevant für die Analyse des „Remigrations“-Konzepts, weil mithilfe der MCA der konstruierte Charakter sozialer Kategorien betont wird, da diese kommunikativ hergestellt werden und nicht lediglich als bestehende, objektive Kategorien mit festen Zuschreibungen salient werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der textuell kommunikativen Ebene der Posts auf X und Instagram, da diese die sprachliche Konstruktion sozialer Kategorien deutlich erkennen lässt.

Die Analyse zeigt, dass „Remigration“ als Antwort auf sexualisierte Gewalt eingesetzt und als kategoriengebundene Aktivität migrantisierter Männer kommuniziert wird. Allerdings dient der Begriff weniger als politisches Programm, sondern vielmehr den drei zentralen Funktionen der Vereinfachung, Emotionalisierung und Normalisierung. Die Lukreta-Mitglieder stellen „Remigration“ als alternativlose Lösung und als Symbol für einen Aufbruch und für ihre Bewegung dar, sodass ihre Forderung nach „Remigration“ auch als verbindendes und identitätsstiftendes Element der Gruppe dient. 

Als zentrale Kategorien konnten Frauen, Migranten, Täter, Opfer und Deutsche herausgestellt werden. Lukreta bringt den „Remigrations“-Begriff explizit in Zusammenhang mit der Kategorie Frauen. Gleichzeitig konstruieren die Aktivistinnen damit ein klares Feindbild, denn hinter der Forderung verbirgt sich ein einseitiger Blick auf migrantisierte Menschen, die als negativ und gefährlich, „Remigration“ dagegen als positiv dargestellt werden, zum Beispiel durch die Einbettung des Begriffs in idyllische und harmlose Kontexte (siehe Beitrag 1). 

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Während die Kategorie Frauen häufig vorkommt, wird die Kategorie des ausländischen Mannes selten explizit genannt, spielt jedoch vor allem aufgrund des „Remigrations“-Begriffs in den Beiträgen von Lukreta eine zentrale Rolle. Ohne die Kategorie direkt auszusprechen, ist sie omnipräsent und ausschließlich negativ konnotiert. Dies ist eine zentrale Erkenntnis, da mit der MCA verdeutlicht werden konnte, dass Kategorien nicht immer ausdrücklich benannt werden müssen, um eine zentrale Rolle in Interaktionen zu spielen, sondern auch implizit durch wiederkehrende Zuschreibungen und Kontraste zu anderen genannten Kategorien hergestellt werden. Während Migranten und Täter in den Beiträgen von Lukreta regelmäßig als dieselbe Kategorie behandelt werden (siehe Beitrag 2), finden sich keine Überschneidungen der Kategorien Deutsche und Täter. 

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Deutsche Männer spielen in den analysierten Beiträgen keine eigenständige kategoriale Rolle und werden somit auch nicht als potenzielle Bedrohung inszeniert. Dies verdeutlicht die propagierte Hierarchie Deutscher und die Externalisierung sexualisierter Gewalt, zentrale Bestandteile des Ethnosexismus (vgl. Dietze 2019: 9, 12). Auf diese Weise ergibt sich eine teilweise explizite, teilweise implizite Dichotomie der Kategorien: Deutsche gegenüber Migranten, spezifisch deutsche Frauen gegenüber ausländischen Männern. Hierbei wird die erste Kategorie systematisch über die zweite gestellt. Erkennbar wird, dass Lukretas Forderung nach „Remigration“ eng mit Rassismus, Ethnosexismus und der Instrumentalisierung von aktuellen Problemen wie sexualisierter Gewalt verschränkt ist. Ihre ethnosexistische Argumentation dient den rechten Aktivistinnen als Legitimation für ihre rassistische Forderung nach „Remigration“. 

Beim Einsatz des Kampfbegriffs „Remigration“ nutzen die Lukreta-Mitglieder eine „[d]irekte Ansprache und klare Botschaften oder [die] ästhetische Einkleidung hasserfüllter Botschaften“ (Berendsen/Schnabel 2024: 30). Mithilfe dieser Strategie der Selbstverharmlosung, dem Evozieren eines Gemeinschaftsgefühls mit ihrer Community und dadurch, dass sich die Akteurinnen auf ihren Plattformen gleichzeitig als Bedrohte, Opfer, starke Frauen und rebellische Kämpferinnen inszenieren, bieten sie verschiedene Anschlussstellen, um eine breitere, insbesondere weibliche Zielgruppe anzusprechen. So unterstützt die durchgeführte Analyse die in der Forschung herausgearbeitete ästhetische Selbstverharmlosung rechter Influencerinnen (vgl. Krug 2025: 5, Hasselbusch et al. 2024: 3), und erweitert die Forschung, indem sie aufgezeigt hat, wie der „Remigrations“-Begriff mit dieser Inszenierung zusammenhängt und welche impliziten und expliziten Kategorien in der Kommunikation relevant werden. Zudem verdeutlicht die Studie, dass sich eine Selbstinszenierung als stark, rebellisch, und gleichzeitig harmlos und schutzbedürftig nicht ausschließt und dass die Forderung nach „Remigration“ insbesondere in Kombination mit den dabei relevanten Kategorien zur Mobilisierung von Nutzer*innen führen kann. Durch weiterführende Untersuchungen lassen sich das Potenzial und die Rolle von Gruppen wie Lukreta als niedrigschwelliger Einstieg in die rechtsextreme Szene und damit die Gefahr, die von ihnen ausgeht, umfassender einschätzen. 


Literaturverzeichnis

ARD/SR (2026): Heimat. Häkeln. Hetze. Undercover unter rechtsextremen Frauen. https://www.ardmediathek.de/video/heimat-haekeln-hetze-undercover-unter-rechtsextremen-frauen/heimat-haekeln-hetze-undercover-unter-rechtsextremen-frauen/sr/Y3JpZDovL3NyLmRlL0hISFVfMTY0NzA5 (Letzter Zugriff: 06.08.2026).

Berendsen, E./Schnabel, D. (2024): Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten. Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation. Frankfurt.

Dietze, G. (2019): Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Migrationsabwehr und Rechtspopulismus. Bielefeld.

Hasselbusch, L./Lochau, L./Glaser, E. (2024): Geschlecht und Rechtsextremismus. Eine Einführung. In: (R)echte Männer und Frauen. Analysen zu Geschlecht und Rechtsextremismus. Berlin, S. 2-9. 

Kero, S. (2023): Jung, weiblich und extrem rechts. Die narrative Kommunikation weiblicher Akteurinnen auf Instagram. In: easy_social_sciences 69, S. 28-36. https://doi.org/10.15464/easy.2023.10.

Krug, M. (2025): Rechte Influencerinnen im digitalen Raum. Visuelle Inszenierungen, emotionale Anschlussfähigkeit und Plattformlogiken. In: TelevIZIon 2/38, S. 4-7.

Küsters, A./Ulrich, S./Stoppert, K./Genzken, S. (2026): Wie rechtsextreme Frauen sich vernetzen. https://www.tagesschau.de/investigativ/lukreta-rechtsextremismus-100.html (Letzter Zugriff: 06.08.2026). 

Lochau, L./Scheyer, V. (2024): „Feminism identitaire“. Begriffspiraterie, Instrumentalisierung und Aneignung von Feminismus. In: (R)echte Männer und Frauen. Analysen zu Geschlecht und Rechtsextremismus. Berlin, S. 21-27.

Wagner, F. (2025): Remigration. In: Inventar der Migrationsbegriffe. https://doi.org/10.48693/640 (Letzter Zugriff: 06.08.2026).


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