Von Shannon Wallenborn.
Wenn die KI zum besten Freund wird: Wie stark binden wir uns wirklich an ChatGPT?
Wenn du schon mal „danke“ zu ChatGPT gesagt hast, obwohl das niemand von dir verlangt hat, bist du nicht allein. Genau dieses Gefühl – eine Art Nähe zu einem Chatbot – habe ich in meiner Bachelorarbeit untersucht. Die zentrale Frage: Bauen wir tatsächlich eine emotionale Bindung zu ChatGPT auf, und wenn ja, wovon hängt das ab?
Vom Fernsehstar zum Chat-Fenster
Das Konzept dahinter ist gar nicht neu. Schon in den 1950er-Jahren beschrieben Forscher, wie Zuschauer eine einseitige, aber echt wirkende Bindung zu Fernsehmoderator:innen aufbauen, eine sogenannte parasoziale Beziehung (Horton & Wohl 1956, zitiert nach Schramm & Hartmann 2008). Der Star auf dem Bildschirm weiß nichts von seinem Publikum, trotzdem fühlt es sich für viele Menschen wie eine Freundschaft an.
Bei ChatGPT ist das anders: Die KI antwortet tatsächlich, und zwar in Echtzeit und scheinbar auf genau meine Frage zugeschnitten. Genau das macht den Unterschied so spannend. Fühlt es sich dadurch noch echter an, obwohl wir eigentlich alle wissen, dass da kein Bewusstsein am anderen Ende sitzt?
103 Menschen, ein Fragebogen
Um das herauszufinden, habe ich eine Online-Umfrage über zwei Wochen laufen lassen. Am Ende blieben 103 auswertbare Antworten übrig, mehrheitlich Studierende, im Schnitt etwa 28 Jahre alt. Abgefragt habe ich primär zwei Dinge: Wie „sozial präsent“, also wie sehr wie ein echtes Gegenüber die Teilnehmenden ChatGPT erleben und wie stark ihre emotionale Bindung, die parasoziale Beziehung, tatsächlich ausgeprägt ist.
Je präsenter die KI wirkt, desto stärker die Bindung
Das eindeutigste Ergebnis der ganzen Studie: Je mehr sich die Interaktion mit ChatGPT wie ein echtes Gespräch anfühlt, desto stärker ist die emotionale Bindung dazu. Der Zusammenhang war statistisch außergewöhnlich stark. Das lässt sich mit einem psychologischen Mechanismus erklären, der schon länger bekannt ist: Unser Gehirn behandelt alles, was sich sozial verhält, freundlich reagiert, auf uns eingeht, sich an frühere Nachrichten „erinnert“, automatisch ein Stück weit wie einen echten Menschen. Das passiert unbewusst, selbst wenn wir ganz genau wissen, dass am anderen Ende ein Sprachmodell sitzt.
Interessant war zudem: Insgesamt bewerteten die Teilnehmenden ChatGPT eher mittelmäßig als „menschlich wirkend“. Der Bot bleibt für viele erkennbar ein technisches Werkzeug. Die tatsächliche emotionale Bindung fiel aber überraschend deutlich höher aus. Ein Teil der Befragten würde ChatGPT also durchaus vermissen, obwohl der Bot rational betrachtet nicht als „echter“ Gesprächspartner wahrgenommen wird – ein Widerspruch, der zeigt, wie sehr Kopf und Bauchgefühl hier auseinandergehen können.
Warum reagieren wir überhaupt sozial auf eine Maschine?
Die Erklärung dafür liefert der sogenannte CASA-Ansatz („Computers Are Social Actors“, Reeves & Nass, zitiert nach Hepp et al. 2022): Sobald ein Computerprogramm nur ein paar soziale Signale sendet, wie einen freundlichen Ton, Höflichkeitsfloskeln, oder das Eingehen auf individuelle Fragen, schaltet unser Gehirn automatisch in den „Mensch-Modus“, ganz ohne dass wir das bewusst steuern könnten. Und ChatGPT sendet solche Signale ständig.
Allerdings hat menschenähnliches Verhalten auch eine Grenze. Wirkt eine KI fast, aber eben nicht ganz menschlich, kann daraus schnell ein Gefühl von Unbehagen statt Nähe entstehen, das sogenannte „Uncanny Valley“ (Frank et al. 2025). Dieses Phänomen ist übrigens keine Erfindung der KI-Forschung: Schon 1919 beschrieb Sigmund Freud in seinem Essay „Das Unheimliche“ ein sehr ähnliches Gefühl anhand einer Erzählung, in der sich ein Mann in eine täuschend echte, mechanische Puppe verliebt (Hoffmann 2023). Der Zweifel, ob ein Gegenüber lebendig oder Maschine ist, sorgt seit jeher für ein eigenartiges Störgefühl, heute eben öfter bei KI-Chatbots statt bei mechanischen Puppen.

Überraschung: Weder Alter noch Thema entscheiden
Vor der Untersuchung war die Annahme naheliegend: Die Generation Z ist mit Smartphones aufgewachsen, müsste also besonders anfällig für eine Bindung an KI sein. Genau das ließ sich aber nicht bestätigen. Jüngere und ältere Nutzer:innen unterschieden sich in ihrer Bindungsstärke nicht wesentlich voneinander. Offenbar ist der entscheidende Faktor nicht das Geburtsjahr, sondern schlicht, wie häufig jemand mit dem Chatbot spricht. Wer öfter mit ChatGPT interagiert, entwickelt im Schnitt eine stärkere Bindung, unabhängig vom Alter.
Genauso überraschend: Es machte für die Bindungsstärke keinen Unterschied, wofür die Befragten ChatGPT hauptsächlich nutzten. Ob als Hilfe beim Referat oder für ein persönliches Gespräch, die gemessene emotionale Nähe war in beiden Gruppen praktisch identisch. Offenbar entscheidet weniger das Gesprächsthema über die Bindung als vielmehr die Qualität der Interaktion an sich, nämlich wie einfühlsam, verständlich und erlässlich die KI antwortet.
Was bedeutet das für uns?
Die Ergebnisse zeigen, dass ChatGPT längst nicht mehr nur als reines Werkzeug genutzt wird. Für einen Teil der Nutzer:innen fühlt sich die Interaktion tatsächlich wie eine Art Beziehung an, ganz unabhängig von Alter oder Nutzungszweck. Das ist per se nicht bedenklich, wirft aber Fragen auf, gerade weil freundlich formulierte Antworten unser Vertrauen gegenüber Inhalten erhöhen können, ohne dass sich an deren fachlicher Richtigkeit etwas ändert. Ein kritischer, reflektierter Umgang mit KI-Chatbots bleibt deshalb wichtig, gerade weil sich die Technik so menschlich anfühlt.
Natürlich hat auch diese Studie ihre Grenzen: Die Stichprobe bestand überwiegend aus Studierenden, und wer freiwillig an einer Umfrage zu KI teilnimmt, ist wahrscheinlich ohnehin technikaffiner als der Durchschnitt. Ob sich die beobachtete Bindung über Monate oder Jahre hält oder eher wieder abflacht, müssten künftige Langzeitstudien zeigen.
Literaturverzeichnis
Frank, K., et al. (2025): Trust Me, I’m Almost Human. Eine qualitative Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen menschenähnlicher Chatbots für die Vermittlung von sozialer und emotionaler Nähe in Zeiten der Digitalisierung. In: Bruhn, M., et al. (Hrsg.): Digital Analytics im Dienstleistungsmanagement. Wiesbaden: Springer Gabler, S. 727 – 752.
Hepp, A., et al. (2022): Von der Mensch-Maschine-Interaktion zur kommunikativen KI. Publizistik 67 (2022), S. 449 – 474.
Hoffmann, E.T.A. (2023): Der Sandmann. 4. Auflage, Stuttgart: Reclam.
Schramm, H., Hartmann, T. (2008): Die Messung von parasozialen Interaktionen als mehrdimensionales Konstrukt. In: Matthes, J., et al. (Hrsg.): Die Brücke zwischen Theorie und Empirie. Köln: von Halem, S. 1 – 14.
