Die vertraute Fremde – Parasoziale Beziehungen im Swiftie-Fandom

© Michael Hicks, Wikimedia Commons

Von Veronika Menzer.

Die vertraute Fremde: Parasoziale Beziehungen im Swiftie-Fandom

Über 30 Millionen Likes in 24 Stunden – und dennoch keine Möglichkeit zur direkten Reaktion: Als Taylor Swift im August 2025 ihre Verlobung mit Travis Kelce auf Instagram bekanntgab (vgl. Swift 2025), konnten Fans dort nicht reagieren und wichen stattdessen auf Plattformen wie X aus (vgl. Rolling Stone 2025; Swift 2025). Dort schrieb eine Nutzerin: „deeply parasocial of me but i feel like my own sister got engaged […]“ (Mahon 2025). Was zunächst überspitzt wirkt, verweist auf eine grundlegende Frage: Warum fühlt sich das Leben einer fremden Person manchmal so persönlich an?

Nähe ohne Gegenseitigkeit: Wie aus Distanz Verbundenheit wird

Diese Frage berührt ein zentrales Spannungsfeld gegenwärtiger Medienkultur: das Erleben emotionaler Nähe bei gleichzeitigem Wissen um ihre Einseitigkeit (vgl. Bilandzic et al. 2015: 132). Neu ist dieses Phänomen jedoch nicht: Bereits Horton und Wohl (1956: 215) beschrieben solche Beziehungen als parasoziale Interaktionen, aus denen sich durch Wiederholung stabile Beziehungen entwickeln (vgl. Wegener 2022: 294). Heute zeigen sie sich jedoch besonders intensiv. Medienfiguren inszenieren gezielt Intimität, wodurch parasoziale Beziehungen zunehmend Ähnlichkeiten zu realen Beziehungen aufweisen (vgl. Horton/Wohl 1956: 218; Branch et al. 2013: 105f.) und Teil des eigenen Beziehungserlebens werden (vgl. Hoffner/Bond 2022: 4). Verstärkt wird diese Dynamik insbesondere durch soziale Medien, da sie eine permanente Präsenz und scheinbare Unmittelbarkeit erzeugen, die durch das Gefühl von Interaktion und Einblicke in vermeintlich persönliche Momente zusätzlich intensiviert werden (vgl. Schramm et al. 2022: 53; Godulla 2022: 22f.).

Warum ausgerechnet Taylor Swift?

Für Popstars wie Taylor Swift eröffnet dies neue Möglichkeiten, Vertrautheit zu inszenieren und langfristige Bindungen aufzubauen (vgl. Zafina/Sinha 2024: 2). Bemerkenswert ist, dass Swift seit 2017 weitgehend auf direkte Faninteraktion verzichtet und dennoch eine außergewöhnlich starke Resonanz erzeugt (vgl. Rolling Stone 2025).

Ein Blick auf ihre Karriere zeigt, dass dies kein Zufall ist. Seit ihrem Debütalbum 2006 verbindet sie konsequent Person, Marke und Werk (vgl. Bentley et al. 2025: 2). Ihre Songs greifen persönliche Erfahrungen auf und erzeugen so ein Gefühl von Authentizität, das in der inszenierten Popkultur besonders wirksam ist (vgl. Fogarty/Arnold 2021: 2). Gleichzeitig macht Swift auch kreative Prozesse sichtbar, sodass persönliche Entwicklung Teil der öffentlichen Erzählung wird – eine Strategie, die emotionale Nähe und Selbstvermarktung gekonnt verbindet (vgl. Wilkinson 2019: 441).

Der Erfolg zeigt sich nicht nur in Zahlen: Chartdominanz, die Auszeichnung als „Person des Jahres“ 2023 und die milliardenschwere „Eras Tour“ unterstreichen ihre Wirkung (vgl. Bentley et al. 2025: 3). Selbst physische Effekte wie seismische Aktivitäten bei Konzerten verweisen auf die Mobilisierungskraft ihres Fandoms (vgl. ebd.: 3).

Die sogenannten „Swifties“ gelten dabei als Paradebeispiel moderner Fankultur: loyal, kreativ und hochgradig involviert (vgl. Driessen/van Mil 2024: 21; Zafina/Sinha 2024: 1). Damit sind sie ein besonders aufschlussreicher Fall, um zu untersuchen, wie parasoziale Beziehungen nicht nur entstehen, sondern von Fans aktiv ausgestaltet werden.

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Die Logik hinter der Nähe: Swifties als Untersuchungsgegenstand

Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag, wie sich die Illusion von Verbundenheit im Swiftie-Fandom konstituiert und wie Fans ihre parasozialen Beziehungen erleben und verhandeln.

Zur Beantwortung wurde eine qualitative Inhaltsanalyse auf Basis leitfadengestützter Interviews durchgeführt. Zunächst wurden theoretisch fundierte Kategorien entwickelt und anschließend induktiv am Material ausdifferenziert (vgl. Kuckartz/Rädiker 2022: 62). Das Material wurde systematisch codiert und fortlaufend überprüft, sodass ein trennscharfes Kategoriensystem entstand, das Theorie und datenbasierte Erkenntnisse verbindet.

Zwischen Verbundenheit und Abgrenzung: Wie Fans ihre Beziehung gestalten

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass das Swiftie-Fandom weit mehr ist als eine lose Ansammlung von Fans. Für viele beginnt die Beziehung zu Taylor Swift bereits in der Jugend und entwickelt sich über Jahre hinweg weiter, wobei das Fan-Sein durch gemeinsame Rituale stark sozial eingebettet ist. Während der Austausch früher stärker online stattfand, verlagert er sich zunehmend ins direkte Umfeld, ohne dass das Zugehörigkeitsgefühl an Bedeutung verliert. Auch wenn Fans ihre Begeisterung mit dem Alter unterschiedlich intensiv leben und in ihren Alltag integrieren, bleibt das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, durchgehend präsent. Besonders bei Konzerten, aber auch durch Praktiken wie das Schauen des Konzertfilms oder das Deuten von „Easter Eggs“, wird kollektive Verbundenheit erfahrbar und das ‚Fan-Sein‘ dadurch verstärkt.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Beziehung zur Künstlerin selbst eine zentrale Rolle spielt. Taylor Swift wird von ihren Fans als authentisch, greifbar und beständig wahrgenommen, wobei insbesondere ihre Songtexte als zentrales Bindungselement fungieren. Ihre Musik bildet dabei den zentralen Zugang zur Künstlerin, da sie über Jahre hinweg als Ausdruck von Authentizität verstanden wird und Fans wiederkehrende Anknüpfungspunkte für eigene Erfahrungen bietet. Die Nähe basiert allerdings weniger auf einem Bedürfnis nach privaten Einblicken als vielmehr auf der Möglichkeit zur Identifikation.

Auffällig ist zudem, dass die Beziehung nicht unreflektiert bleibt. Fans sind sich der Einseitigkeit bewusst und unterscheiden klar zwischen der medialen Figur Taylor Swift und der Privatperson dahinter. Die emotionale Bindung wird dadurch jedoch nicht relativiert, sondern bewusst in das eigene Selbstverständnis integriert. Parasoziale Beziehungen erscheinen somit weniger als Illusion, sondern als ein Prozess, in dem Nähe und Distanz aktiv ausgehandelt werden – etwa wenn Skandale rund um den Popstar an Bedeutung verlieren, während die Übereinstimmung mit eigenen moralischen oder politischen Vorstellungen relevant bleibt.

Gerade hierin zeigt sich die Besonderheit des Swiftie-Fandoms: Das Fan-Sein entsteht einerseits in der Bindung zur Künstlerin und wird andererseits durch die Community getragen sowie verstärkt. Die Musik fungiert dabei als gemeinsamer Bezugspunkt, über den individuelle Erfahrungen kollektiv anschlussfähig werden, sodass persönliche Identifikation und soziale Zugehörigkeit eng miteinander verschränkt sind.

Parasoziale Beziehungen neu gedacht

Insgesamt legen die Ergebnisse eine Neubewertung parasozialer Beziehungen nahe. Der Beitrag zeigt, dass sie im Swiftie-Fandom als reflektierte und selbstbestimmte Form sozialer Verbundenheit verstanden werden können, die von Fans aktiv gestaltet wird. Trotz der kleinen, homogenen Stichprobe wird deutlich, dass parasoziale Beziehungen ein fester Bestandteil moderner Medienrealität sind und im Swiftie-Fandom nicht zuletzt mit spürbarer Freude gelebt werden.


Literaturverzeichnis

Bentley, Christia Anne/Galloway, Kate/ Harper, Paula Clare (2025): Introduction: The Star, The Songs, The Fans. In: Bentley, Christia Anne/Galloway, Kate/ Harper, Paula Clare (Hrsg.): Taylor Swift. The Star, The Songs, The Fans. New York: Routledge, S. 1-12.

Bilandzic, Helena/Schramm, Holger/Matthes, Jörg (2015): Medienrezeptionsforschung. Kon stanz/ München: UVK Verlagsgesellschaft.

Branch, Sara E./Wilson, Kari M./Agnew, Christopher R. (2013): Committed to Oprah, Homer, or House: Using the Investment Model to Understand Parasocial Relationships. In: Psychology of Popular Media Culture 2 (2), S. 96-109.

Driessen, Simone (2022): Campaign Problems: How Fans React to Taylor Swift’s Controver sial Political Awakening. In: American Behavioral Scientist 66 (8), S. 1060-1074. https://doi.org/10.1177/00027642211042295

Godulla, Alexander (2022): Mass communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance. In: Spiller, Ralf/Rudeloff, Christian/Döbler, Thomas (Hrsg.): Schlüsselwerke: Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 13-26.

Horton, Donald/Wohl, R. Richard (1956): Mass Communication and Para-Social Interaction: Observations on Intimacy at a Distance. In: Psychiatry 19 (3), S.215-229.

Kuckartz, Udo/Rädiker, Stefan (2022): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Compu terunterstützung. 5. Aufl. Weinheim Basel: Beltz Juventa.

Mahon, Emily [emilymahoon] (2025): deeply parasocial of me but i feel like my own sister got engaged rn. [X-Post], X, https://x.com/emilymahonn/status/1960389617460388342 [Abruf am 16.10.2025].

Rolling Stone (2025): Taylor Swift and Travis Kelce’s Engagement Post Shatters Instagram Record. [Online-Artikel], Rolling Stone, https://www.rollingstone.com/music/music news/taylor-swift-travis-kelce-engagement-broke-instagram-record-1235416530/ [Abruf am 16.10.2025].

Schramm, Holger/Liebers, Nicole/Biniak, Laurenz/& Dettmar, Franca (2022): Neuere For schung zu parasozialen Interaktionen und Beziehungen. Steckbriefe von über 250 Stu dien aus den Jahren 2016 bis 2020. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Swift, Taylor [taylorswift] (2025): Your Englisch teacher and your gym teacher are getting mar ried. [Instagram-Beitrag]. Instagram, https://www.instagram.com/taylors wift/p/DN02niAXMM-/ [Abruf am 16.10.2025].

Wegener, Claudia (2022): Theorieansätze und Hypothesen in der Medienpädagogik: Paraso ziale Interaktion. In: Sander, Uwe/von Gross, Friederike/Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.): Handbuch Medienpädagogik. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS, S. 315-318.

Wilkinson, Maryn (2019): ‘Taylor Swift: the hardest working, zaniest girl in show business…’. In: Celebrity Studies 10 (3), S. 441–444.

Zafina, Nadzira/Sinha, Annapurna (2024): Celebrity-fan relationship: studying Taylor Swift and Indonesian Swifties parasocial relationships on social media. In: Media Asia 51 (4), S. 1-15. https://doi.org/10.1080/01296612.2024.2304422


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