Von Jonilla Sulejmani.
23 Prozent der jungen Männer wählten bei der Bundestagswahl 2025 die AfD – bei jungen Frauen waren es nur 9 Prozent (ZDF 2025). Diese Kluft von 14 Prozentpunkten ist keine statistische Randnotiz, sondern offenbart ein realpolitisches Gespenst: Der Aufstieg eines erneuerten Rechtsextremismus, der nicht über Programme, sondern über Männlichkeitsideale mobilisiert.
Rechtsextreme Akteure inszenieren nicht nur Botschaften, sondern Körper. Hypermaskuline Ästhetiken – übersteigerte, dominanzorientierte Männlichkeitsdarstellungen – fungieren als visuelle Träger rechtsextremer Ideologie. Historische Körperpolitiken autoritärer Bewegungen zeigen, dass der männliche Körper stets nationalistisch aufgeladen war (Falasca-Zamponi 2008). Im digitalen Zeitalter kehrt dieses Muster in neuer Form zurück.
Mangan bringt es prägnant auf den Punkt: Der faschistische Körper repräsentiert moralische und politische Ordnung (1999: 112).
Diese Logik wirkt in der sogenannten Alpha-Male-Bubble fort – einem Netzwerk digitaler Communities, in dem Fitness, Selbstoptimierung und traditionelle Geschlechterrollen zu ideologischen Vehikeln verschmelzen. Während der Forschung bislang vor allem offen politische Inhalte im Fokus stehen, markieren diese Räume die subtilen Übergänge zwischen Lifestyle und Extremismus.
Hypermaskulinität
Hypermaskulinität erweist sich dabei als analytischer Schlüssel: Sie radikalisiert Männlichkeitsnormen (Connell 2005), indem sie Stärke, Dominanz und emotionale Kontrolle performativ übersteigert. Der muskulöse Körper wird zum strategischen Kommunikationsmittel – zur Allegorie eines „wirklichen“ Mannes, der sich primär durch Abgrenzung definiert: nicht schwach, nicht emotional, nicht „weiblich“.
Ein Beispiel: Andrew Tates TikTok-Videos beginnen mit Fitness-Tipps und Erfolgsrhetorik. Innerhalb weniger Clips folgen frauenfeindliche Aussagen, verpackt als „Lebensweisheiten“. Der Übergang ist fließend – und genau das ist das Prinzip (Haslop et al. 2024).
Digitale Plattformen bieten dafür die ideale Infrastruktur. Radikalisierung verläuft nicht linear, sondern in Form eines Funnel-Effekts: Niedrigschwellige Inhalte wie Fitness, Dating oder Selbstoptimierung dienen als Einstieg, in den allmählich rechtsextreme Bedeutungen eingeschleust werden (Munn 2022). Dieses Trojanische-Pferd-Prinzip verschleiert Ideologie in scheinbar harmlosen Lifestyle-Angeboten.
In der Alpha-Male-Bubble verbinden sich neoliberale Selbstoptimierungsimperative, hypermaskuline Körperideale und Frauenfeindlichkeit zu einem transnationalen Cluster (Ging 2019). Emotionen – Stolz, Wut, Brüderlichkeit – fungieren als affektive Ökonomie (Ahmed 2013), die Gruppenzusammenhalt durch Abgrenzung sichert (Brewer 1999). Kritik wird als Angriff einer „feminisierten“, „woken“ Außenwelt gedeutet. Über plausible deniability, die Möglichkeit, radikale Aussagen als „nur Spaß“ abzustreiten (Peet 2024), bleiben radikale Botschaften zugleich anschlussfähig und abstreitbar.
Der hypermaskuline Körper als Widerstand
Historische Körperpolitiken autoritärer Bewegungen zeigen, dass der männliche Körper immer ein ideologisches Projekt war: Er stand für nationale Reinheit, Stärke und Wehrhaftigkeit. Die Alpha-Male-Bubble aktualisiert diese Tradition digital und verbindet sie mit zeitgenössischen Männlichkeits- und Krisenerfahrungen. Arno Breker, bevorzugter Bildhauer des NS-Regimes, inszenierte den männlichen Körper als Symbol völkischer Überlegenheit:

Auf individueller Ebene fungiert Hypermaskulinität als Antwort auf eine brüchig gewordene Geschlechterordnung. Der muskulöse Körper symbolisiert Disziplin, Kontrolle und Selbstwirksamkeit in einer Gegenwart, in der traditionelle männliche Rollen unter Druck geraten. Er verspricht Stabilität, folgt zugleich neoliberalen Imperativen der Selbstoptimierung (Bröckling 2007) und kann bei ausbleibendem Erfolg in Frustration und Ressentiment kippen (Vescio et al. 2021, Gerrand et al. 2025).
Auf kollektiver Ebene wird der Körper politisiert: Stärke wird zur moralischen Pflicht, Schwäche zur Schuld. Empathie gilt als gefährlich, Härte als Tugend. Diese Männlichkeitslogik verschränkt sich mit nationalistischen Narrativen, in denen der trainierte Körper zum Symbol einer bedrohten Gemeinschaft wird – zum Schutzschild „des Eigenen“ und zur Projektionsfläche apokalyptischer Bedrohungsszenarien.
Damit verbindet Hypermaskulinität zwei Ebenen: Sie stabilisiert ein verunsichertes individuelles Selbstbild und liefert gleichzeitig die visuelle Grammatik für kollektivistische, autoritäre Ideologien. In der Alpha-Male-Bubble fungiert sie nicht als harmloser Lifestyle, sondern als Medium politischer Bedeutungsproduktion.
Diese Logik zeigt sich konkret: Erfolg gilt als reine Disziplinfrage, Scheitern als persönliches Versagen. Sie erzeugt eine visuelle Hierarchieordnung, in der körperliche Stärke Überlegenheit signalisiert und Abwertung legitimiert. Homosoziale Räume verstärken kollektive Abgrenzungen gegenüber Frauen, LGBTQ*-Personen und „schwachen Männern“ und machen diese zu identitätsstiftenden Elementen.
In Kombination entsteht eine Dynamik, in der scheinbar unpolitische Praktiken wie Training, Disziplin und Gemeinschaft schrittweise ideologisch aufgeladen werden. Hypermaskuline Körperinszenierungen dienen dabei als Brückencode: Sie machen rechtsextreme Weltbilder ästhetisch anschlussfähig, emotional plausibel und sozial validiert – und bereiten so ihre Normalisierung vor.
Zentrale Erkenntnisse – und was jetzt zu tun ist
Hypermaskuline Körperinszenierungen fungieren als diskursive Knotenpunkte, über die rechtsextreme Narrative in populäre Fitness- und Lifestyle-Kontexte diffundieren. Damit erweitert die Untersuchung gängige Modelle digitaler Radikalisierung: Sie macht deutlich, dass Ideologien nicht erst dort beginnen, wo sie offen artikuliert werden, sondern bereits in jenen visuellen und affektiven Codes wirksam werden, die scheinbar unpolitische Inhalte prägen.
Zugleich wurde sichtbar, dass Radikalisierungsprozesse nicht allein kognitiv, sondern wesentlich affektiv strukturiert sind. Besonders Wut, Spott und Härte wirken als Bindemittel innerhalb der Alpha-Male-Bubble und schaffen emotionale Resonanzräume, in denen autoritäre und anti-pluralistische Bedeutungen plausibel erscheinen. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Integration affektiver Ökonomien in die Analyse digitaler Extremismusprozesse.
Fitness-, Disziplin- oder Selbstoptimierungsdiskurse bilden keine separaten Sphären, sondern potenzielle Brücken in rechtsextreme Deutungsräume. Diese Durchlässigkeit verweist auf eine strukturelle Herausforderung: Ideologische Normalisierung geschieht nicht nur über explizite politische Akteure, sondern über ästhetische Muster, die im Alltag digitaler Öffentlichkeiten längst selbstverständlich geworden sind.
Wie steuert man dem entgegen? Ein konkretes Beispiel ist die von McGuire beschriebene „kognitive Impfung“. Dabei werden zunächst sogenannte Truismen – also weitgehend anerkannte moralische oder soziale Grundüberzeugungen – durch abgeschwächte Gegenargumente herausgefordert. Ein solches schwaches Gegenargument könnte etwa lauten: „Männer sind nicht dazu gemacht, soft zu sein.“ Dieses Gegenargument wird anschließend unmittelbar widerlegt, sodass Rezipient*innen kognitive Verteidigungsmechanismen ausbilden, die ihre bestehenden Überzeugungen schützen. Solche Ansätze könnten bereits in Schulen oder Jugendarbeit eingesetzt werden, um Resilienz gegen hypermaskuline Narrative aufzubauen.
Gerade hierin liegt die praxisrelevante Dimension der Befunde. Prävention und politische Bildung müssen sich stärker auf jene frühen Anschlussstellen konzentrieren, an denen ästhetische Attraktivität, affektive Gemeinschaftslogiken und schrittweise Bedeutungsverschiebungen zusammenwirken.
Literaturverzeichnis
Ahmed, S. (2013): The cultural politics of emotion. Routledge.
Brewer, M. B. (1999): The psychology of prejudice: Ingroup love and outgroup hate? Journal of Social Issues, 55(3), 429–444.
Bröckling, U. (2013): Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp.
Connell, R. W. & Messerschmidt, J. W. (2005): Hegemonic masculinity: Rethinking the concept. Gender & Society, 19(6), 829–859.
Falasca-Zamponi, S. (2008): Fascism and Aesthetics. Constellations, 15(3).
Gerrand, V., Ging, D., Roose, J. M. & Flood, M. (2025): Mapping the neo-manosphere(s): New directions for research. Men and Masculinities (Online First).
Ging, D. (2019): Alphas, betas, and incels: Theorizing the masculinities of the manosphere. Men and Masculinities, 22(4), 638–657.
Haslop, C., Ringrose, J., Cambazoglu, I. & Milne, B. (2024): Mainstreaming the manosphere’s misogyny through affective homosocial currencies: Exploring how teen boys navigate the Andrew Tate effect. Social Media + Society, 10(1), 1–13.
Mangan, J. A. (1999): Blond, strong and pure: ‘proto-fascism’, male bodies and political tradition. International Journal of the History of Sport, 16(2), 107–127.
McGuire, W. J. (1964): Inducing resistance to persuasion: Some contemporary approaches. In: Berkowitz, L. (Hrsg.): Advances in experimental social psychology, Vol. 1, Academic Press, 191–229.
Peet, A. (2024): The puzzle of plausible deniability. Synthese, 203(156).
Vescio, T. K., Schermerhorn, N. E. C., Gallegos, J. M. & Laubach, M. L. (2021): The affective consequences of threats to masculinity. Journal of Experimental Social Psychology, 97, 104195.
ZDF (2025, 15. Januar): Gender Gap bei der Bundestagswahl: Männer wählen eher rechts, Frauen links. ZDFheute. Verfügbar unter: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2025-gender-gap-maenner-rechts-frauen-links-100.html (Letzter Zugriff: 17.09.2025).
